In letzter Zeit habe ich so einige neidische Kommentare von Freunden zu hören bekommen, dass wir ja so ein Glück hätten mit unserem Sonnenschein und den warmen Temperaturen und dass sie das graue regnerische Herbstwetter in Deutschland ja so satt hätten.
Meine Lieben, als erstes dürft ihr nicht vergessen, dass wir dieses Jahr auch schon unseren Anteil an Kalt und Grau hatten – im Juli und August, als ihr an eurer Bräune gearbeitet habt und die sommerlichen Temperaturen genießen konntet. Na gut, der Sommer war dieses Jahr in Deutschland nicht so berauschend, aber theoretisch hättet ihr … na, ihr wisst schon, was ich meine.
Nun ja, was ich eigentlich sagen will ist, dass wir alle mal gutes und mal schlechtes Wetter haben und ihr daher nicht meckern braucht. Und außerdem hat diese Sache mit der nördlichen und der südlichen Halbkugel einen Aspekt, der euch im Norden einen klaren Vorteil beschert. Bei euch findet Weihnachten im Dezember statt – und ich meine damit einen richtigen Dezember. Ihr wisst schon, mit Weihnachtsdeko, den Weihnachtsmärkten und natürlich Glühwein.
Hier in Buenos Aires liegt momentan die durchschnittliche Temperatur bei rund 27 Grad, und meistens haben wir Sonnenschein und blauen Himmel. Und wenn es mal bewölkt ist haben wir immer noch tropische 80% Luftfeuchtigkeit, bei der einem mit jeder Bewegung der Schweiß ausbricht. Also ist es ein bisschen mühsam, die richtige Weihnachtsstimmung zu entwickeln.
Um das Ganze noch schwerer zu machen frönen die Argentinier nicht dem Deko-Wahn – ganz im Gegensatz zu den US Amerikanern, bei deren Rentierschlitten und blinkenden Weihnachtsmännern man sogar die Palmen in Miami Beach vergessen kann. Nein, hier in Argentinien beschränkt sich die Weihnachtsdeko auf das Einkaufszentrum, wo es einen Weihnachtsbaum und eine Weihnachtsgrotte gibt, in der sich die Kiddies auf dem Schoß des Weihnachtsmannes ablichten lassen können. Und was die Privathäuser angeht …. nichts. Bis jetzt sind wir die einzigen in der Nachbarschaft, die das Haus für den ersten Adventsonntag geschmückt haben. Der Kranz hängt an der Tür, der Weihnachtsbaum steht vor dem Erkerfenster, die Strümpfe hängen über dem Kamin … und wir fühlen uns seltsam. Mein Süßer hat sogar mit dem Gedanken gespielt, das Haus durch den angrenzenden Garten zu verlassen, weil er glaubt, dass sich die Nachbarn heimlich über uns lustig machen. Aber das wäre dann tatsächlich seltsam, also konnte ich es ihm ausreden.
Nein, es ist wirklich ein kleiner Kampf, und bis jetzt haben wir keine große Hoffnung, einen Gewinn zu verbuchen. Seien wir doch mal ehrlich – bei dreißig Grad, in Shorts und in Flip-Flops den Baum zu schmücken ist sehr merkwürdig – und das ändert sich auch nicht, wenn man dabei Mariah und ihr “All I want for Christmas” aufdreht. Bei gleißendem Sonnenlicht rote Kerzen anzuzünden ist nicht besonders weihnachtlich, und da hilft es auch nicht einmal, abends den Weihnachtsbaum einzuschalten. Nicht bei den grellen Lampen, die vor dem Haus die Einbrecher abschrecken sollen und dabei den Effekt der Lichterkette im Baum ruinieren.
Also kein Gemecker mehr, ok? Seid lieber dankbar und genießt die besinnliche Zeit. Was mich betrifft, ist die Rettung nah. Ich fliege heute nach Deutschland wo ich noch genug Zeit habe, aufzuholen und in die richtige Weihnachtsstimmung zu kommen.
Nächstes Jahr fliegen wir Weihnachten nicht nach Deutschland, und ich überlege, das Fest in den argentinischen Winter vorzuverlegen, Weihnachten im Juni zu feiern und im Dezember einfach so zu tun als wär nichts. Das dürfte wirklich nicht schwerfallen. (Nur ein Scherz!)
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