16 January 2014

Freundliche Gesichter

Gestern Abend klopfte es an der Tür. Als ich aufmachte stand ein junger Mann mit einer Flasche Wein in der Hand vor mir. Viktor, so sein Name, war erst kürzlich in die Wohnung unter uns gezogen und wollte uns in unserem neuen Zuhause willkommen heißen.

Ich war angesichts dieser freundlichen Geste zugleich überrascht und ein bisschen frustriert. Schließlich wohnen wir nur vorübergehend in dem Haus und diese nachbarschaftliche Aktion war irgendwie zum Scheitern verurteilt, da wir ja schon bald in unser endgültige Wohnung ziehen.

Aber Viktor schien sich über seine Fehlinvestition nicht zu ärgern, sondern legte sogar noch einen drauf. Er fragte, ob wir denn schon Internet hätten, und als er hörte, dass wir mit einem dieser mobilen Sticks hantieren, bot er uns sein Wifi an.

Schon kam er herein – aber erst, nachdem er sorgfältig die Schuhe abgetreten hatte, um auch ja nicht den Teppich schmutzig zu machen – und schrieb das Passwort für den Router auf. Einfach so.

Da bleibt nur eine Frage: Was ist hier los? Was ist mit den mehrheitlich mürrischen, ja durchaus pünktlichen, aber auch unglücklichen und so furchtbar ernsten Deutschen passiert? Sind sie alle von einer fremden, aber freundlichen Lebensform aus dem All assimiliert worden?

Denn Victor ist kein Einzelfall. Seit ich Anfang des Jahres nach Deutschland zurückgekommen bin, begegne ich ständig gut-gelaunten, entspannten, höflichen und sympathischen Leuten. Das ist schon unheimlich. Die Frau in der Bäckerei hat mir kürzlich einen guten Tag gewünscht, der Taxifahrer hat eine interessante Unterhaltung angefangen, der Typ im Autohaus hatte einen lustigen Spruch auf Lager und die Kellnerin im Cafe schien ihren Job tatsächlich gerne zu machen.

Hat sich Deutschland grundlegend geändert, während ich weg war? Oder wirkt jetzt einfach jeder super nett hier, weil ich die Leute mit den häufig verdrießlichen und ein wenig arrogant wirkenden Porteños aus Buenos Aires vergleiche?

Eines hat mir diese Episode jedenfalls gezeigt. Ich habe mir in Südamerika eine schlechte Eigenart angewöhnt, und zwar bin ich sehr misstrauisch geworden. Als Viktor mir sein Anliegen erzählte und dann in die Wohnung kam, um das Passwort aufzuschreiben, flüsterte mir eine leise Stimme im Hinterkopf zu: „Der lebt wahrscheinlich gar nicht hier im Haus und will dich nur ausrauben.“ Hm, vielleicht war es höchste Zeit, dass ich nach Deutschland zurückgekommen bin und nun ein bisschen von dieser "neuen" positiven Einstellung auftanken kann.

Ich halte euch auf dem Laufenden.

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