21 February 2012

Reisenotizen: Luján: Hauptstadt des Glaubens


Dieses Wochenende hatten wir Montag und Dienstag frei, da die argentinische Regierung letztes Jahr den Karnevaldienstag zum Feiertag erklärt und den Montag als Brückentag dazugegeben hatte. Dieses Jahr waren unsere Pläne, weiter weg zu fliegen und uns eine andere Ecke von Argentinien anzusehen ins Wasser gefallen, und daher beschlossen wir, das lange Wochenende zum Ausspannen zu nutzen und Buenos Aires und die Umgebung zu erkunden. Das Wetter spielte jedoch nicht so recht mit und bescherte uns immer wieder Regen und grauen Himmel, so dass wir ausschliefen, viel lasen und uns nur vor die Tür wagten, wenn es gerade mal trocken war.

Am Montag sah das Wetter dann ein bisschen freundlicher aus, und so stiegen wir in den Wagen und fuhren nach Luján, einer kleinen Stadt circa 60 km westlich von Buenos Aires gelegen und Heimatstadt der Heiligen Jungfrau von Luján. Wer schon einmal in Buenos Aires Taxi gefahren ist, hat das Bild der Heiligen bestimmt schon am Armaturenbrett gesehen. Ihr wisst schon, die mit dem steifen, dreieckigen, blau-weißen Kleid, den gefalteten Händen und dem goldenen Strahlenkranz.

Nun, die Legende besagt, dass die Statue der Jungfrau 1630 auf dem Weg von Buenos Aires nach Tucuman mit ihrem Karren in Luján steckenblieb und sich der Karren erst wieder bewegte, nachdem die Statue entfernt worden war. Also entschied der Besitzer, sie in Luján zu lassen und dort einen Schrein zu erbauen. Seitdem hat sie so manches Wunder bewirkt und den Besuch von mehr als einem Papst erhalten – Papst Leo XIII kam zum Beispiel 1886 vorbei und brachte ihr die goldenen Krone und die Perlen. Und sie zieht jede Menge Pilger an, vor allem am Día de la Virgen de Luján am ersten Sonntag im Oktober, an dem Gläubige von Buenos Aires zu Fuß gehen nach Luján marschieren.

Der Hauptgrund für unseren Besuch war jedoch die imposante Basilika, die von 1887 bis 1935 in Luján errichtet worden war und in der nun die Statue der Jungfrau untergebracht ist. Das und die Beschreibung der Stadt in unserem Reiseführer als „beschauliche kleine Stadt am Fluss“.


Imposant ist sie tatsächlich. Nachdem wir eine ¾ Stunde durch die nicht wirklich hübsche Pampa gefahren waren, wurden wir zu einer Ausfahrt mit der Aufschrift „Basilika“ geleitet, die ihrem Namen alle Ehre machte und uns in wenigen Metern direkt von der sogenannten Autobahn zu den Parkplätzen vor der Kirche brachte, wo uns freundliche Einweiser auf einen freien Platz lotsten.

In Sachen Pilgerscharen war es vermutlich ein ruhiges Wochenende, aber wir begegneten etlichen Großfamilien, Nonnengrüppchen und gebrechlichen Senioren, die sich offensichtlich mit der Aussicht auf Linderung und den Segen der Jungfrau nach Luján begeben hatten. Überall auf dem riesigen Vorplatz der Basilika schlenderten Menschen umher, die dort die Gelegenheit hatten, sich von professionellen Photografen ablichten zu lassen oder süßes Popcorn und Zuckerwatte zu kaufen.



Im direkten Umfeld der Basilika ging es andächtiger zu. Die meisten jüngeren Besucher waren zwar hauptsächlich damit beschäftigt, sich gegenseitig auf den Eingangsstufen zu fotografieren, aber einige Gläubige nahmen das Angebot eines Priesters an – ich hoffe jedenfalls, dass es einer war –, der auf einer kleinen Plattform stand und von dort die Passanten segnete, indem er sie mit Weihwasser besprengte. Ich konnte nicht genau ausmachen, ob dieser Dienst kostenlos war, aber ich meine, eine Frau gesehen zu haben, die ein Portemonnaie zückte. Obwohl dies natürlich auch eine Spende gewesen sein kann statt einer Gebühr. Eindeutig zum Verkauf standen allerhand Devotionalien, wie zum Beispiel Heiligenbildchen, kleine und nicht ganz so kleine Marienstatuen, Rosenkränze, bunte Fahnen und Wimpel mit aufgedruckten Gebeten und Segenssprüchen, Schlüsselanhänger, Kühlschrankmagneten ... was das Herz begehrt.
Das Innere der Basilika war recht imposant, vor allem in Anbetracht der Lage mitten im Nirgendwo. Es wurde gerade eine Messe gehalten als wir hineinkamen, und vor der Marienstatue hatte sich eine lange Schlange gebildet, doch wir konnten uns dennoch das Kirchenschiff und die Seitenaltäre ansehen. Teile des Inneren waren wegen Renovierungsarbeiten abgedeckt, und auch der Kreuzgang war geschlossen. Aber was uns dann noch ein wenig die Stimmung verhagelte war das Schild, das uns dazu aufforderte, wegen der Taschendiebe auf unsere Habseligkeiten achtzugeben. Also ehrlich!

Anschließend machten wir uns auf die Suche nach der beschaulichen kleinen Stadt am Fluss, die uns der Reiseführer versprochen hatte, und gingen zum Flussufer. An der dortigen Promenade befanden sich allerlei Fahrgeschäfte, Imbissbuden, kleine Geschäfte, und wem das noch nicht genug Entertainment bot, der konnte kleine Ruderboote mieten oder sich von größeren Schiffen über den Fluss navigieren lassen. Die Fahrgeschäfte waren alle ein wenig altmodisch und schäbig, und die Promenade am Ufer wirkte ziemlich in die Jahre gekommen. Aber das Ambiente hätte durchaus die Adjektive „charmant“ und „reizend“ verdient, wäre da nicht der verwahrloste Gesamteindruck einer Müllhalde gewesen.

Es muss ja nicht so perfekt wie in Disney World sein und man braucht auch keine brandneuen Autoskooter und Karussells, um sich zu amüsieren, aber die Promenade war ehrlich gesagt ein bisschen ekelig. Überall lagen aufgeplatzte Müllsäcke herum und es stank nach vergammeltem Essen, und während ich beinah auf Zehenspitzen den Weg entlang balancierte, befürchtete ich jeden Moment, dass eine Ratte aus dem Gebüsch springen und mein Bein annagen könnte. Den anderen Besuchern schien das alles nichts auszumachen, und etliche Familien saßen an den Picknicktischen und ließen sich ihre Pizza und Limonaden schmecken. Also zogen wir den Schluss, dass das einfach nicht das richtige für uns war, gingen zum Wagen und fuhren nach Buenos Aires zurück.

Ich überlege jedoch, was ich mit der Erfahrung machen soll. Sind wir Westeuropäer durch unser aufwändiges Recycling und das dahinter steckende regulative System einfach nur verwöhnt? Oder ist das gar keine Frage des Geldes sondern der Einstellung zur Umwelt, die hier in Argentinien eine ganz konträre zu sein scheint? Luján ist ein Touristenziel, und die umgerechnet 5 Euro, die die Gastwirte am Hauptplatz für ein Milkshake verlangen, müssen auch in irgendeine Tasche fließen. Und wie viel hätte es die Stadtverwaltung gekostet, die Flusspromenade aufräumen zu lassen und regelmäßig die Müllsäcke zu entsorgen? Aber wie ich schon sagte: Abgesehen von uns schien es niemanden zu stören, und wir konnten ja wieder fahren, wenn es uns nicht passte.

Ich bin immer noch unsicher, was ich einem Argentinier sagen soll, wenn er mich fragt, ob ich schon einmal in Luján gewesen sei und wie es mir gefallen habe. Was Freunde und Familie angeht, die uns hier besuchen kommen, werde ich den Ausflug wohl nicht empfehlen.

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