21 March 2012

Mädels – Chapeau!

Normalerweise fahre ich morgens zusammen mit dem Gatten zur Arbeit und nehme nachmittags den Zug zurück, da er meist länger arbeitet als ich. Dieses Arrangement funktioniert ganz gut, da die Bahnstationen nicht sehr weit vom Büro und unserem Haus entfernt sind. In der Vergangenheit habe ich morgens immer den Bus benutzt, wenn er auf Reisen war, aber da ich nun nicht nur die Erlaubnis habe, den Firmenwagen zu fahren sondern auch auf seinem Parkplatz in der Firma zu parken, wage ich mich nun alleine in den Verkehr von Buenos Aires, wenn er unterwegs ist. Wenn man nur früh genug aufsteht sind die Straßen noch einigermaßen leer und es ist gar nicht so schlimm.

Gestern habe ich jedoch das magische Zeitfenster verpasst und daher beschlossen, mal wieder den Bus zu nehmen. Das ist eigentlich auch gar nicht so schlecht, wenn man nicht zu lange auf die Linie 168 oder die anschließende 29 warten muss, die mich direkt vor dem Büro absetzt. Ihr fragt euch, warum ich morgens nicht den Zug nehme? Vergesst es! Die Züge sind morgens so voll, dass man erst einmal drei Stück abwarten muss, bevor man sich überhaupt hineinquetschen kann, und dann ist es in dem so voll, dass einem die Taschendiebe unbemerkt glatt die Socken von den Füßen klauen könnten.

Die gestrige Busfahrt verlief ziemlich glatt, und ich hatte mal wieder in Muße Gelegenheit, den eklektischen Mix an Porteños zu beobachten, die morgens den Colectivo benutzen. Man begegnet etlichen Schülern in Privatschul-Uniformen (also in Röcken oder Hosen und Blazern mit gestickten Schulwappen). Oder in weißen oder grauen Kitteln, die in weniger wohlhabenden Schulen als Uniformersatz dienen und in denen die Kinder aussehen wie angehende Laboranten oder verkappte Hausmeister.

Außerdem sieht man die üblichen Büroangestellten in Chinos und Hemd oder formellem Anzug, elegant gekleidete ältere Damen und den ein oder anderen jungen Marinekadetten, der in in voller Montur bestehend aus Uniform, Mütze und Handschuhen zu der Marineakademie stiefelt, die auf dem Weg liegt.

Aber den interessantesten Anblick bieten die jungen Mädels, die die Busfahrt regelmäßig dazu nutzen, ihre Morgentoilette zu komplettieren. Manche frisieren sich das noch feuchte Haar (egal ob Sommer oder Winter) und es würde mich nicht überraschen, wenn eine von ihnen einen batteriebetriebenen Föhn hervorholte. Andere schneiden oder feilen sich die Nägel in Form oder pinseln Nagellack auf. Und manche tragen sogar ihr Make-up auf, inklusive Rouge, Lidschatten und Lippenstift.

Und so schaue ich immer völlig fasziniert zu, wie sie sich für den Tag zurechtmachen und frage mich, wie sie das nur schaffen. Ich meine, ich habe bei dem Kamikaze-Fahrstil der Busfahrer immer alle Hände voll zu tun, mich festzuklammern und nicht vom Sitz zu fallen – und die Chicas tragen dabei in aller Seelenruhe Eyeliner und Wimperntusche auf. Ich würde mir wahrscheinlich ein Auge ausstechen - oder könnte hinterher locker mit den Akteuren in einer Geisterbahn mithalten.

Doch vermutlich hat das alles etwas mit der nötigen Übung zu tun oder man muss einfach in diese Dinge hineinwachsen. Da ist diese Frau, die regelmäßig ihre Tochter mit dem Bus zur Schule bringt. Und jedes Mal wenn ich sie sehe nutzt sie die Fahrt, um ihrer Kleinen die Haare zurechtzumachen. Ganz ruhig, ohne sich an der ruppigen Fahrweise zu stören, kämt sie ihrer Tochter sorgfältig das Haar und flechtet es liebevoll zu zwei perfekten Zöpfen. Die  Kleine nimmt es gelassen, und bin sicher, sie wird – wenn sie älter ist – den Colectivo ebenso wie alle anderen zu ihrem ganz privaten Schönheitssalon auf vier Rädern ernennen. 

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