Eine Fahrt
in der Metro oder in einem der TBA Züge von Buenos Aires ist selten nur eine
Fahrt von A nach B. Nein, man hat dabei auch die Gelegenheit, Einkäufe zu
erledigen, der traurigen Geschichte der weniger vom Glück beschiedenen Bewohner
Buenos Aires zuzuhören und diese mit ein paar Pesos zu unterstützen, oder man
kann den Darbietungen der Straßenmusikanten lauschen, die die Zugabteile als Bühne
benutzen … und die auch dankbar für ein paar Pesos sind und gelegentlich ihre
CD zum Verkauf anbieten.
Das Warensortiment
in den Zügen ist ein eklektischer Mix. Die fliegenden Händler verkaufen Socken,
Kekse, Stifte, die im Dunkeln leuchten, Handtaschen, Spielzeug, Straßenkarten,
Batterien, Handyschalen, Computerkabel ... und alles zu einem Schnäppchenpreis.
So scheint es zumindest. Aber was mir besonders an dem Ganzen gefällt ist die
unwiderstehliche Beredsamkeit, mit der die Händler ihre Waren anpreisen und die
mich schon mehr als einmal beinah dazu verleitet hätte, mir das Angebot näher
anzuschauen.
Die Bettler
in den Zügen unterscheiden sich sehr von denen in Deutschland. Sie gehen nicht
einfach durch die Abteile, schauen dich mit bittendem Blick und ausgestreckter
Hand an und murmeln „Haste mal was Kleingeld“. Nein, sie erheben die Stimme und
erzählen den Passagieren ganz genau, welches Unglück ihnen widerfahren ist, und
bitten dann um ein bisschen Geld, mit dem sie die Familie durchbringen, die
Arztrechnung nach dem schweren Unfall bezahlen, ihre HIV-Medikamente berappen
oder Essen für die Kinder bezahlen wollen, die sie häufig im Schlepptau haben.
Und während ich in Deutschland fast nie jemanden etwas geben sehe, ist es hier
in Buenos Aires ganz normal, dass die Menschen ihr Portemonnaie herausholen und
den Bettlern zumindest ein paar Münzen in die Hand drücken.
Die
musikalische Unterhaltung während der Zugfahrten deckt eine große Bandbreite an
Stilrichtungen ab, und so kann man Gitarre spielenden Troubadouren, Indios mit Panflöten,
Sängern und ganzen Band mit Bandeons, Mundharmonikas und Verstärkern lauschen.
Aber was gestern wirklich den Vogel abgeschossen hat war der Harfenspieler, den
ich auf meiner letzten Zugfahrt von Nuñez nach Martinez erlebt habe. Ja, du
hast richtig gelesen: eine Harfe! Es war natürlich nicht eine von diesen
riesigen Konzertharfen, da der Künstler die gar nicht durch die Zugtüren
bekommen hätte, aber sie war größer als die meisten Passagiere, klang in meinen
Ohren nicht besonders sphärisch und war auch nicht das Instrument, das ich mir
als Straßenmusiker ausgesucht hätte. Nun ja, ab nächste Woche führt mich mein Weg zum Büro in eine andere Richtung, da unsere Firma im Begriff ist, in ein neues Gebäude umzuziehen. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln funktionieren wird, aber ich werde ganz bestimmt nicht mehr den Zug nehmen. Pech, dass ich nicht meinen Vorrat an Socken und Stiften, die im Dunkeln leuchten aufgestockt habe, als ich die Gelegenheit dazu hatte!

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