06 July 2012

Viel mehr als nur eine Zugfahrt


Eine Fahrt in der Metro oder in einem der TBA Züge von Buenos Aires ist selten nur eine Fahrt von A nach B. Nein, man hat dabei auch die Gelegenheit, Einkäufe zu erledigen, der traurigen Geschichte der weniger vom Glück beschiedenen Bewohner Buenos Aires zuzuhören und diese mit ein paar Pesos zu unterstützen, oder man kann den Darbietungen der Straßenmusikanten lauschen, die die Zugabteile als Bühne benutzen … und die auch dankbar für ein paar Pesos sind und gelegentlich ihre CD zum Verkauf anbieten.

Das Warensortiment in den Zügen ist ein eklektischer Mix. Die fliegenden Händler verkaufen Socken, Kekse, Stifte, die im Dunkeln leuchten, Handtaschen, Spielzeug, Straßenkarten, Batterien, Handyschalen, Computerkabel ... und alles zu einem Schnäppchenpreis. So scheint es zumindest. Aber was mir besonders an dem Ganzen gefällt ist die unwiderstehliche Beredsamkeit, mit der die Händler ihre Waren anpreisen und die mich schon mehr als einmal beinah dazu verleitet hätte, mir das Angebot näher anzuschauen.

Die Bettler in den Zügen unterscheiden sich sehr von denen in Deutschland. Sie gehen nicht einfach durch die Abteile, schauen dich mit bittendem Blick und ausgestreckter Hand an und murmeln „Haste mal was Kleingeld“. Nein, sie erheben die Stimme und erzählen den Passagieren ganz genau, welches Unglück ihnen widerfahren ist, und bitten dann um ein bisschen Geld, mit dem sie die Familie durchbringen, die Arztrechnung nach dem schweren Unfall bezahlen, ihre HIV-Medikamente berappen oder Essen für die Kinder bezahlen wollen, die sie häufig im Schlepptau haben. Und während ich in Deutschland fast nie jemanden etwas geben sehe, ist es hier in Buenos Aires ganz normal, dass die Menschen ihr Portemonnaie herausholen und den Bettlern zumindest ein paar Münzen in die Hand drücken.

Die musikalische Unterhaltung während der Zugfahrten deckt eine große Bandbreite an Stilrichtungen ab, und so kann man Gitarre spielenden Troubadouren, Indios mit Panflöten, Sängern und ganzen Band mit Bandeons, Mundharmonikas und Verstärkern lauschen. Aber was gestern wirklich den Vogel abgeschossen hat war der Harfenspieler, den ich auf meiner letzten Zugfahrt von Nuñez nach Martinez erlebt habe. Ja, du hast richtig gelesen: eine Harfe! Es war natürlich nicht eine von diesen riesigen Konzertharfen, da der Künstler die gar nicht durch die Zugtüren bekommen hätte, aber sie war größer als die meisten Passagiere, klang in meinen Ohren nicht besonders sphärisch und war auch nicht das Instrument, das ich mir als Straßenmusiker ausgesucht hätte.


Nun ja, ab nächste Woche führt mich mein Weg zum Büro in eine andere Richtung, da unsere Firma im Begriff ist, in ein neues Gebäude umzuziehen. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln funktionieren wird, aber ich werde ganz bestimmt nicht mehr den Zug nehmen. Pech, dass ich nicht meinen Vorrat an Socken und Stiften, die im Dunkeln leuchten aufgestockt habe, als ich die Gelegenheit dazu hatte!

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