30 December 2013

Das Haus in Montevideo

Der Globus meiner Großmutter war nicht die einzige Quelle der Inspiration für diese Liste der sehenswerten Dinge, die ich als Kind angefangen hatte. Die wundersame Welt der Filme spielte da auch eine wichtige Rolle. Einer von ihnen war deutsche Schwarz-Weiß Komödie „Das Haus in Montevideo” aus den Fünfzigern, in der ein respektabler und konservativer Professor mit seiner Tochter nach Montevideo reist, um die Hinterlassenschaft seiner verstorbenen Schwester zu regeln. In dem Film wurde nie auch nur ein Teil von Montevideo gezeigt, weil alle Szenen im Innern spielten, aber die Handlung und der exotische Klang des Namens weckten meine Neugier. Montevideo in Uruguay! Wer kann dieser Kombination widerstehen?

Es ist von Buenos Aires nur eine dreistündige Fährfahrt oder ein noch kürzerer Flug von einer dreiviertel Stunde entfernt, also musste ich mir die Stadt natürlich ansehen, solange ich noch so nah dran war. Noch verlockender wurde die Aktion dadurch, dass ein deutscher Freund, der ein Jahr lang in Montevideo gelebt hatte, uns anbot mitzukommen und uns alles zu zeigen.

Wir sind nur für ein Wochenende gefahren, haben aber die kurze Zeit gut genutzt. Nach der Landung am Flughafen – aus irgendeinem seltsamen Grund war der Flug nach Montevideo günstiger als der Buquebus – haben wir erst einmal in unserem Hotel in Pocitos eingecheckt. Dieses Viertel liegt ein wenig außerhalb des historischen Stadtkerns hat aber eine sehr freundliche Atmosphäre, und da Montevideo nicht wirklich groß ist und die Taxis kein Vermögen kosten, ist es sehr leicht, in der Stadt herumzukommen. Wir entschieden uns jedoch für die sportliche Variante und mieteten uns Räder, um die Rambla und die Altstadt zu erkunden.

Das Wetter spielte mit und bot und blauen Himmel, Sonne und Temperaturen bis zu dreißig Grad. Im Gegensatz zu Buenos Aires, wo diese Zahlen meist mit einer drückenden Luftfeuchtigkeit daherkommen, kann Montevideo eine angenehme Brise verbuchen, in der unsere Radtour beinah zum Klacks wurde. Dass und der Umstand, dass die Autofahrer in Uruguay tatsächlich die Fußgänger und Radfahrer bemerken und bereit sind, ihre Bremsen zu benutzen.

Beim Auswärts essen fiel uns noch ein weiterer Unterschied auf. Während die Restaurants in Buenos Aires Fisch aus dem Weg zu gehen scheinen, ist Montevideo ganz Pro-Fisch, und wir genossen ein wunderbares fleischloses Abendessen und einen wunderschönen Sonnenuntergang über der Bucht im Hemingway Restaurant. Wir haben natürlich auch Steak probiert und getestet, wie man auf der anderen Seite des Rio de la Plata mit Fleisch umgeht. Wo kann man das besser tun als auf dem Mercado del Puerto, in der alten umgebauten Markthalle , in der zahlreiche Restaurant gegrillte Köstlichkeiten anbieten.

Ein weiteres Muss in Montevideo ist der sonntägliche Flohmarkt, wo man alles kaufen kann, angefangen von Obst , Gemüse, Büchern, Schallplatten, Kleidung, Ersatzteile für alle möglichen Maschinen und Geräte, Möbel und was man sonst noch brauchen kann. Da unsere ganze Habe bereits vor Weihnachten in den Container verpackt worden war, konnten wir nichts kaufen – ansonsten wären wir bei der einen oder anderen Halb-Antiquität doch in Versuchung gekommen.

Wir kehrten im Buquebus nach Buenos Aires zurück und hatten das Glück, mit der Francisco – einem neuen Schiff, das nach dem neuen argentinischen Papst benannt wurde – den Rio de la Plata zu überqueren. Glück nicht so sehr wegen der spirituellen Beschaffenheit des Boots, sondern weil die Fähre ziemlich flott ist und nur etwas über zwei Stunden benötigt. Und die Sitze sind auch total bequem.

Was mich wieder zum „Haus in Montevideo” zurückbringt. Warum? Weil in der Handlung des Films ein Schiff eine wichtige Rolle spielt. Und weil ich versuche, das Bild, das ich mir als Kind von Montevideo ausgemalt hatte, mit der Stadt zu vergleichen, die ich letztes Wochenende besucht habe. Besteht da eine Ähnlichkeit? Nein, eigentlich nicht. Der Film bediente nur Klischees und Stereotype, und daher hatte ich mir Montevideo als eine südamerikanische Ausgabe von Cannes vorgestellt, mit Palmen, und glamourösen Villen, Deckenventilatoren und Männern in weißen Leinenanzügen. Das heutige Montevideo ist ein seltsamer entspannter Mix aus hübschem Kolonialstil, architektonischen Monstrositäten aus den Sechzigern und Siebzigern, den typischen Hochhäusern aus den vergangenen Jahren und einer malerischen Küstenlinie mit Stränden und felsigen Klippen. Die Leute kleiden sich sehr leger und tragen statt Panamahüten Thermoskannen und ihr Mate-Equipment. Und da sie immer darauf beharren, dass sie ganz und gar nicht so sind wie die Porteños auf  der anderen Seite des Rio de la Plata, werde ich gar nicht erst versuchen, sie miteinander zu vergleichen.

Mir gefällt Montevideo – nicht nur wegen des exotischen Namens sondern wegen der entspannten und freundlichen Atmosphäre. Ich bin froh, dass wir hingefahren sind – und wenn auch nur, weil wir uns keinen besseren Tour Guide hätten wünschen können. Und ich werde mir die DVD von „Das Haus in Montevideo“ bestellen, sobald ich wieder in Deutschland bin. Ich bin neugierig, wie sich das Klischee anfühlt, nachdem ich die Realität gesehen habe.


Ich halte euch natürlich auf dem Laufenden.

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