Der Globus meiner Großmutter war nicht die einzige Quelle
der Inspiration für diese Liste der sehenswerten Dinge, die ich als Kind
angefangen hatte. Die wundersame Welt der Filme spielte da auch eine wichtige
Rolle. Einer von ihnen war deutsche Schwarz-Weiß Komödie „Das Haus in
Montevideo” aus den Fünfzigern, in der ein respektabler und konservativer
Professor mit seiner Tochter nach Montevideo reist, um die Hinterlassenschaft
seiner verstorbenen Schwester zu regeln. In dem Film wurde nie auch nur ein
Teil von Montevideo gezeigt, weil alle Szenen im Innern spielten, aber die
Handlung und der exotische Klang des Namens weckten meine Neugier. Montevideo
in Uruguay! Wer kann dieser Kombination widerstehen?
Es ist von Buenos Aires nur eine dreistündige Fährfahrt oder
ein noch kürzerer Flug von einer dreiviertel Stunde entfernt, also musste ich mir
die Stadt natürlich ansehen, solange ich noch so nah dran war. Noch
verlockender wurde die Aktion dadurch, dass ein deutscher Freund, der ein Jahr
lang in Montevideo gelebt hatte, uns anbot mitzukommen und uns alles zu zeigen.
Wir sind nur für ein Wochenende gefahren, haben aber die
kurze Zeit gut genutzt. Nach der Landung am Flughafen – aus irgendeinem seltsamen
Grund war der Flug nach Montevideo günstiger als der Buquebus – haben wir erst
einmal in unserem Hotel in Pocitos eingecheckt. Dieses Viertel liegt ein wenig
außerhalb des historischen Stadtkerns hat aber eine sehr freundliche Atmosphäre, und da Montevideo nicht wirklich groß ist und die Taxis kein Vermögen kosten,
ist es sehr leicht, in der Stadt herumzukommen. Wir entschieden uns jedoch für
die sportliche Variante und mieteten uns Räder, um die Rambla und die Altstadt
zu erkunden.
Das Wetter spielte mit und bot und blauen Himmel, Sonne und
Temperaturen bis zu dreißig Grad. Im Gegensatz zu Buenos Aires, wo diese Zahlen
meist mit einer drückenden Luftfeuchtigkeit daherkommen, kann Montevideo eine
angenehme Brise verbuchen, in der unsere Radtour beinah zum Klacks wurde. Dass
und der Umstand, dass die Autofahrer in Uruguay tatsächlich die Fußgänger und
Radfahrer bemerken und bereit sind, ihre Bremsen zu benutzen.
Beim Auswärts essen fiel uns noch ein weiterer Unterschied
auf. Während die Restaurants in Buenos Aires Fisch aus dem Weg zu gehen
scheinen, ist Montevideo ganz Pro-Fisch, und wir genossen ein wunderbares
fleischloses Abendessen und einen wunderschönen Sonnenuntergang über der Bucht
im Hemingway Restaurant. Wir haben natürlich auch Steak probiert und getestet,
wie man auf der anderen Seite des Rio de la Plata mit Fleisch umgeht. Wo kann
man das besser tun als auf dem Mercado
del Puerto, in der alten umgebauten Markthalle , in der zahlreiche
Restaurant gegrillte Köstlichkeiten anbieten.
Ein weiteres Muss in Montevideo ist der sonntägliche
Flohmarkt, wo man alles kaufen kann, angefangen von Obst , Gemüse, Büchern,
Schallplatten, Kleidung, Ersatzteile für alle möglichen Maschinen und Geräte, Möbel
und was man sonst noch brauchen kann. Da unsere ganze Habe bereits vor
Weihnachten in den Container verpackt worden war, konnten wir nichts kaufen –
ansonsten wären wir bei der einen oder anderen Halb-Antiquität doch in
Versuchung gekommen.
Wir kehrten im Buquebus nach Buenos Aires zurück und hatten
das Glück, mit der Francisco – einem
neuen Schiff, das nach dem neuen argentinischen Papst benannt wurde – den Rio de
la Plata zu überqueren. Glück nicht so sehr wegen der spirituellen
Beschaffenheit des Boots, sondern weil die Fähre ziemlich flott ist und nur
etwas über zwei Stunden benötigt. Und die Sitze sind auch total bequem.
Was mich wieder zum „Haus in Montevideo” zurückbringt. Warum?
Weil in der Handlung des Films ein Schiff eine wichtige Rolle spielt. Und weil
ich versuche, das Bild, das ich mir als Kind von Montevideo ausgemalt hatte,
mit der Stadt zu vergleichen, die ich letztes Wochenende besucht habe. Besteht
da eine Ähnlichkeit? Nein, eigentlich nicht. Der Film bediente nur Klischees
und Stereotype, und daher hatte ich mir Montevideo als eine südamerikanische
Ausgabe von Cannes vorgestellt, mit Palmen, und glamourösen Villen,
Deckenventilatoren und Männern in weißen Leinenanzügen. Das heutige Montevideo
ist ein seltsamer entspannter Mix aus hübschem Kolonialstil, architektonischen
Monstrositäten aus den Sechzigern und Siebzigern, den typischen Hochhäusern aus
den vergangenen Jahren und einer malerischen Küstenlinie mit Stränden und
felsigen Klippen. Die Leute kleiden sich sehr leger und tragen statt Panamahüten
Thermoskannen und ihr Mate-Equipment. Und da sie immer darauf beharren, dass
sie ganz und gar nicht so sind wie die Porteños auf der anderen Seite des Rio de la Plata, werde ich gar nicht
erst versuchen, sie miteinander zu vergleichen.
Mir gefällt Montevideo – nicht nur wegen des exotischen
Namens sondern wegen der entspannten und freundlichen Atmosphäre. Ich bin froh,
dass wir hingefahren sind – und wenn auch nur, weil wir uns keinen besseren
Tour Guide hätten wünschen können. Und ich werde mir die DVD von „Das Haus in
Montevideo“ bestellen, sobald ich wieder in Deutschland bin. Ich bin neugierig,
wie sich das Klischee anfühlt, nachdem ich die Realität gesehen habe.
Ich halte euch natürlich auf dem Laufenden.


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