03 November 2012

Eine Durststrecke


Mit dem Jahrestag ist es auch immer an der Zeit, unser Visum und unseren hiesigen Ausweis zu verlängern. Zum Glück müssen wir diesen bürokratischen Alptraum nicht alleine meistern sondern können auf Juli zählen. Ihr offizieller Titel ist gestora, was sich mit “Vermittler” übersetzen lässt. Für uns wird sie aber immer unser ganz privater Schutzengel sein, die es zu ihrem Beruf gemacht hat, all die notwendigen bürokratischen Schritte zu organisieren, um Ausländer ins Land zu bringen, ihnen eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zu beschaffen und ihnen generell das Leben eine ganze Ecke leichter zu machen.

Wir treffen sie für gewöhnlich in einem der Ämter, wo sie bereits im Vorfeld einen Termin für uns ausgemacht hat. Dort geleitet sie uns dann von einem Schalter zum nächsten, sagt uns, was wir tun und sagen sollen und schiebt uns mit einem freundlichen „Bitte hier und noch einmal dort unterschreiben“ Papiere zu, die sie auf wundersame Weise vorab besorgt hat. Und damit sind wir auch schon wieder fertig und können ins Büro zurückfahren, während sie sich um den Rest kümmert.

Wir sind besonders gute Kunden, weil der Gatte letztes Jahr im August sein Portemonnaie verloren hat und wir die ganze Prozedur beinah komplett 2x durchlaufen mussten. Und obendrein war der neue Ausweis auf einem der Ämter verloren gegangen, so dass Juli das Ersatzdokument gleich noch einmal beantragen musste. Es hatte beinah ein ganzes Jahr gedauert, bis meine bessere Hälfte schließlich diesen August den neuen Ausweis in den Händen hielt – gerade rechzeitig für den Verlängerungsantrag 2012-2013. Aber das ist eigentlich eine Geschichte für sich.

Angesichts ihrer Berufswahl muss Juli über eine Engelsgeduld verfügen, und sie ist normalerweise sehr ruhig und gelassen. Als wir sie jedoch die Tage trafen, wirkte sie ein bisschen neben der Kappe. Sie erklärte uns, dass sie ein wenig gestresst sei, weil sie zu Zeit den Papierkram für eine große Gruppe Chinesen erledige, die gerade ins Land strömten, um für der Standard Bank zu arbeiten. (Das sind sogar noch bessere Kunden als wir, da sie mit der gesamten Familie einreisen, die Großmütter und Schwiegereltern mit eingeschlossen.) Aber als wir anfingen, über die derzeitige Situation in Argentinien zu plaudern, beschlich mich der leise Verdacht, dass die politische und wirtschaftliche Richtung, die das Land momentan einschlägt möglicherweise der wahre Grund für ihre Gemütslage war.

Die für gewöhnlich zurückhaltende und vorsichtige Juli begann beinah zu politisieren, und der Ausdruck esa abogada - "diese Anwältin" – war weder als einfacher Jobtitel noch als Kosewort gemeint. Nein, Juli würde definitiv nicht für Christina Fernandez de Kirchner stimmen falls diese tatsächlich – wie gerade das Gerücht umgeht - die Verfassung ändern sollte, um sich noch einmal zur Wahl aufstellen lassen zu können. Unsere gestora hat ziemlich die Nase voll von dem, was die Regierung in letzter Zeit so alles veranstaltet, und ich meine Tränen in ihren Augen gesehen zu haben, als das Gespräch auf die Fregatte Libertad kam, die gerade in Ghana beschlagnahmt wurde, bis die Argentinier ihre Schulden bezahlen.

Aber was mich wirklich betroffen machte war Julis Äußerung, sie werde zum nächsten großen Protest gehen. Sie habe zwar ein bisschen Angst vor möglicher Polizeigewalt, aber sie werde trotzdem gehen. Schließlich müsse man seine Meinung sagen! Und mir wurde klar, dass wir zwar im gleichen Land leben, uns aber doch Welten trennen. Ich lebe nur für einen bestimmten Zeitraum hier. Ich bin ein Gast mit Privilegien und einer großen internationalen Firma im Rücken, und ich weiß, dass mein Leben hier ein Ablaufdatum hat. Ich kann über Dinge lachen, ungläubig den Kopf schütteln oder mich aufregen, aber ich werde in absehbarer Zeit nach Hause zurückkehren oder weiterziehen. All das hier betrifft mich nicht wirklich.

Juli jedoch gehört hierher. Argentinien ist ihr Zuhause. Und sie hat Kinder, über die sie sich Sorgen macht und deren Zukunft sehr wohl von der derzeitigen Entwicklung betroffen ist. Welchen Rat soll sie ihnen geben? Es aussitzen und warten, bis die nächste Krise wieder vorbei ist? Wegziehen und sich woanders ein Zuhause schaffen? Und wie wird Julis Zukunft dann aussehen?

Es gibt keinen einfachen Weg aus diesem Chaos, und wenn ich eine Lösung hätte, wie dieses Land langfristig wieder auf die Füße kommen könnte, wäre ich eine reiche Frau. Hoffentlich behalten all die Pessimisten Unrecht und es wird nie zu dem prophezeiten Crash kommen. Und ich wünsche Juli und all den anderen wunderbaren Menschen, denen wir begegnet sind, dass sie die Entscheidung, in ihrem Heimatland zu bleiben, nicht bereuen müssen, und dass ihre Stimmen gehört werden und die Dinge zum Guten verändern. Vor allem aber wünsche ich ihnen, dass Argentinien ein Ort ist, an dem jeder das gute Recht hat, ohne Angst seine Meinung zu sagen.

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