Mit dem
Jahrestag ist es auch immer an der Zeit, unser Visum und unseren hiesigen
Ausweis zu verlängern. Zum Glück müssen wir diesen bürokratischen Alptraum
nicht alleine meistern sondern können auf Juli zählen. Ihr offizieller Titel
ist gestora, was sich mit “Vermittler” übersetzen lässt. Für uns wird
sie aber immer unser ganz privater Schutzengel sein, die es zu ihrem Beruf
gemacht hat, all die notwendigen bürokratischen Schritte zu organisieren, um Ausländer
ins Land zu bringen, ihnen eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zu
beschaffen und ihnen generell das Leben eine ganze Ecke leichter zu machen.
Wir treffen
sie für gewöhnlich in einem der Ämter, wo sie bereits im Vorfeld einen Termin
für uns ausgemacht hat. Dort geleitet sie uns dann von einem Schalter zum
nächsten, sagt uns, was wir tun und sagen sollen und schiebt uns mit einem
freundlichen „Bitte hier und noch einmal dort unterschreiben“ Papiere zu, die
sie auf wundersame Weise vorab besorgt hat. Und damit sind wir auch schon
wieder fertig und können ins Büro zurückfahren, während sie sich um den Rest
kümmert.
Wir sind
besonders gute Kunden, weil der Gatte letztes Jahr im August sein Portemonnaie
verloren hat und wir die ganze Prozedur beinah komplett 2x durchlaufen mussten.
Und obendrein war der neue Ausweis auf einem der Ämter verloren gegangen, so
dass Juli das Ersatzdokument gleich noch einmal beantragen musste. Es hatte
beinah ein ganzes Jahr gedauert, bis meine bessere Hälfte schließlich diesen August den
neuen Ausweis in den Händen hielt – gerade rechzeitig für den
Verlängerungsantrag 2012-2013. Aber das ist eigentlich eine Geschichte für
sich.
Angesichts
ihrer Berufswahl muss Juli über eine Engelsgeduld verfügen, und sie ist
normalerweise sehr ruhig und gelassen. Als wir sie jedoch die Tage trafen,
wirkte sie ein bisschen neben der Kappe. Sie erklärte uns, dass sie ein wenig
gestresst sei, weil sie zu Zeit den Papierkram für eine große Gruppe Chinesen
erledige, die gerade ins Land strömten, um für der Standard Bank zu arbeiten.
(Das sind sogar noch bessere Kunden als wir, da sie mit der gesamten Familie
einreisen, die Großmütter und Schwiegereltern mit eingeschlossen.) Aber als wir
anfingen, über die derzeitige Situation in Argentinien zu plaudern, beschlich
mich der leise Verdacht, dass die politische und wirtschaftliche Richtung, die
das Land momentan einschlägt möglicherweise der wahre Grund für ihre Gemütslage
war.
Die für
gewöhnlich zurückhaltende und vorsichtige Juli begann beinah zu politisieren,
und der Ausdruck esa abogada - "diese Anwältin" – war weder
als einfacher Jobtitel noch als Kosewort gemeint. Nein, Juli würde definitiv
nicht für Christina Fernandez de Kirchner stimmen falls diese tatsächlich – wie
gerade das Gerücht umgeht - die Verfassung ändern sollte, um sich noch einmal
zur Wahl aufstellen lassen zu können. Unsere gestora hat ziemlich die
Nase voll von dem, was die Regierung in letzter Zeit so alles veranstaltet, und
ich meine Tränen in ihren Augen gesehen zu haben, als das Gespräch auf die
Fregatte Libertad kam, die gerade in Ghana beschlagnahmt wurde, bis die
Argentinier ihre Schulden bezahlen.
Aber was
mich wirklich betroffen machte war Julis Äußerung, sie werde zum nächsten
großen Protest gehen. Sie habe zwar ein bisschen Angst vor möglicher
Polizeigewalt, aber sie werde trotzdem gehen. Schließlich müsse man seine
Meinung sagen! Und mir wurde klar, dass wir zwar im gleichen Land leben, uns
aber doch Welten trennen. Ich lebe nur für einen bestimmten Zeitraum hier. Ich
bin ein Gast mit Privilegien und einer großen internationalen Firma im Rücken,
und ich weiß, dass mein Leben hier ein Ablaufdatum hat. Ich kann über Dinge
lachen, ungläubig den Kopf schütteln oder mich aufregen, aber ich werde in
absehbarer Zeit nach Hause zurückkehren oder weiterziehen. All das hier
betrifft mich nicht wirklich.
Juli jedoch
gehört hierher. Argentinien ist ihr Zuhause. Und sie hat Kinder, über die sie
sich Sorgen macht und deren Zukunft sehr wohl von der derzeitigen Entwicklung
betroffen ist. Welchen Rat soll sie ihnen geben? Es aussitzen und warten, bis
die nächste Krise wieder vorbei ist? Wegziehen und sich woanders ein Zuhause
schaffen? Und wie wird Julis Zukunft dann aussehen?
Es gibt
keinen einfachen Weg aus diesem Chaos, und wenn ich eine Lösung hätte, wie
dieses Land langfristig wieder auf die Füße kommen könnte, wäre ich eine reiche
Frau. Hoffentlich behalten all die Pessimisten Unrecht und es wird nie zu dem
prophezeiten Crash kommen. Und ich wünsche Juli und all den anderen wunderbaren
Menschen, denen wir begegnet sind, dass sie die Entscheidung, in ihrem
Heimatland zu bleiben, nicht bereuen müssen, und dass ihre Stimmen gehört
werden und die Dinge zum Guten verändern. Vor allem aber wünsche ich ihnen,
dass Argentinien ein Ort ist, an dem jeder das gute Recht hat, ohne Angst seine
Meinung zu sagen.
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